Über die Orgel

Zur Geschichte der Orgel

Heinrich Gottlieb Herbst (1689–1738) ist Spross einer Orgelbauerfamilie, deren Schaffen mit ihm endete. Sein Großvater, Heinrich Herbst der Ältere, und sein Vater, Heinrich Herbst der Jüngere, schufen bedeutende Orgeln, etwa in Magdeburg, Basedow und Halberstadt (Dom). Von den bemerkenswerten Instrumenten der Herbst-Familie sind im Wesentlichen die Orgeln in Basedow, Erxleben und Lahm erhalten. Dabei weist die Lahmer Orgel mit etwa 95 % den weitaus größten erhaltenen Anteil an Originalsubstanz auf.

Die Lahmer Orgel ist das einzige Werk Heinrich Gottlieb Herbsts. Es steht erkennbar in der Familientradition und greift doch die bedeutsamen musikalischen Entwicklungen im spätbarocken Orgelbau auf. Die Orgel besitzt eine raumbeherrschende Stellung in der zwischen 1728 und 1732 errichteten, klassizistisch geprägten Lahmer Schlosskirche. Konstruktive Herausforderungen wie das recht kleine Gewölbe, in dem die recht große Orgel Platz finden sollte, löste Heinrich Gottlieb Herbst in kreativer Weise mit Pedaltürmen an der Emporenbrüstung. Als Besonderheiten sind etwa der Reichtum an Grund- und Bassstimmen, der dunkle, besonders gravitätische Plenumklang, die in einer Dorfkirchenorgel ungewöhnliche Disponierung einer Posaune 32‘ und die ungewöhnliche Bauweise des Registers vox humana zu nennen.

Die Lahmer Herbst Orgel „…gehört zu den bedeutendsten europäischen Orgeln“ (Matthias Wagner, Dokumentation und Bestandsaufnahme zur Herbst-Orgel, 2023) und nimmt in der Orgellandschaft Bayerns, die nur sehr wenige historisch bedeutsame Instrumente aufweist, eine Sonderstellung ein.

Bach und Lahm

Johann Lorenz Bach (1695–1773), Neffe zweiten Grades und Schüler Johann Sebastian Bachs in Weimar von 1713 bis 1717, wirkte als Kantor, Schulmeister und Organist in der Freiherrlich Lichtensteinschen Residenz Lahm. Seine Kompositionen sind bis auf ein Praeludium und Fuge in D-Dur verschollen. Der vielfach vermutete Einfluss Johann Sebastian Bachs auf die Planung der für seine Werke mustergültig geeigneten spätbarocken Disposition konnte leider bislang nicht nachgewiesen werden. Die Verbindung zum Leipziger Bach aufgreifend, führt Prof. Lucas Pohle ab 2024 im Rahmen von Benefizkonzerten das gesamte Orgelwerk Johann Sebastian Bachs an der Lahmer Herbst-Orgel auf.

Heutiger Zustand

Die Herbst-Orgel befindet sich heute in sehr schlechtem Zustand und dürfte in wenigen Jahren nicht mehr bespielbar sein. Trotz des hohen Anteils an Originalsubstanz befindet sich das Instrument teilweise nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand. Einerseits wurden in den 1930er und 1960er Jahren Reparaturen und Veränderungen vorgenommen, die etwa zum Verlust aller originalen Kehlen der Zungenregister führten. Zur zeitweisen Herstellung des modernen Stimmtons wurden viele Pfeifen verstellt, abgeschnitten und später wieder angelängt. Unsachgemäße Stimmungsarbeiten führten zu vielfachen, schweren Beschädigungen, was an einigen Pfeifenporträts erkennbar ist. Eine Restaurierung zu Beginn der 1980er Jahre führte die Orgel wieder deutlich näher an ihren Originalzustand heran. Seitdem jedoch erlitt die Orgel große Schäden durch starke Feuchtigkeit im Winterhalbjahr und daraus resultierenden Schimmelbefall. Zum anderen verursachten die heißen Sommer der letzten Jahre starke Austrocknungen und Schwundrisse in den Windladen. Die daraus resultierenden Undichtigkeiten führen zu anhaltenden Fehltönen („Durchstecher“). Die Trakturen, also die mechanische Übertragung vom den Klaviaturen zu den Tonventilen unter den Pfeifen, ist äußerst schlecht spielbar und unzuverlässig. Häufig erklingen „Heuler“ (Fehltöne, die sich nicht abstellen lassen). Eine langfristige Erhaltung der Orgel ist nur auf Grundlage einer umfassenden Instandsetzung und abschließenden Restaurierungsschritten denkbar.

Geplante Maßnahmen zur Instandsetzung und Restaurierung

Vorgesehen ist die Instandsetzung der vier Keilbälge, der Ton- und Registertrakturen, der Windladen und der Klaviaturen. Die schonende Reparatur der insgesamt 1536 Pfeifen wird einen bedeutenden Teil der Arbeiten einnehmen. Zudem sind Maßnahmen zur Verbesserung und Stabilisierung des Raumklimas vorgesehen, etwa durch den Einbau einer automatisierten Lüftungsanlage und von textilen Sonnenschutzrollos an den Kirchenfenstern. In Vorbereitung dessen wird der Kircheninnenraum derzeit klimatisch begutachtet.

Die Kosten für die Instandsetzung und -restaurierung der Orgel und die Maßnahmen zur Verbesserung des Raumklimas werden sich laut übereinstimmenden Schätzungen von Orgelbauern und -sachverständigen auf ca. 1 Million Euro belaufen. Die Zielstellung lautet, die Herbst-Orgel möglichst weitgehend ihrem Originalzustand anzunähern und ihren Bestand langfristig zu sichern.

Gleichzeitig besteht dringender Handlungsbedarf wegen des kritischen Zustands von Dach und das Gebäude der Schlosskirche. Feuchtigkeit, Risse und marode Stellen gefährden nicht nur die Struktur des Gebäudes, sondern auch die wertvolle Orgel. Die notwendigen baulichen Maßnahmen werden derzeit erfasst.